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Stichtag: 29. Juni 1966 - Tod von Dr. Karl Westermann

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Aus einer westfälischen Ahnenreihe stammend wurde Karl Friedrich Westermann am 23. Oktober 1883 als Sohn eines Fabrikanten in Sulzbach an der Saar geboren. Nach dem Besuch der Volks- und Realschule in Saargemünd (heute Frankreich) und der Oberrealschule in Straßburg begann er 1905 sein Studium der Fächer Deutsch, Geographie, Mineralogie und Englisch, das ihn nach Straßburg, Münster und Bonn führte. Seine philosophische Promotion legte Westermann mit einer Arbeit über den Meistersinger Daniel Holtzmann 1910 in Straßburg ab, um dann als Referendar und Assessor in Bad Kreuznach, Gummersbach, Neuwied, Düsseldorf und Köln erste berufliche Erfahrungen zu sammeln.

Die pädagogische Laufbahn Westermanns wurde durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges jäh unterbrochen. Er diente fortan im Reserve-Infanterie-Regiment 201 an den Fronten in Frankreich und auf dem Balkan, wurde aber im Sommer 1917 nach einer Erkrankung als kriegsdienstuntauglich beurlaubt und war erst in Köln im Heimatschutz tätig, übernahm dann kurz später eine niederrheinische Etappenkompanie. Westermann folgte von dort einem Ruf nach Wesel, wo er ab Oktober 1917 erst als Oberlehrer, dann als Studienrat am Jungengymnasium tätig war. An der Heimatfront bewies der Pädagoge weiterhin seine nationale Einstellung und wurde dafür am 17. April 1918 mit dem Verdienstkreuz für Kriegshilfe ausgezeichnet. In diesem Rahmen ist auch seine im Schulbericht veröffentlichte Schrift „Weseler Gymnasiasten im Einsatz im Etappengebiet“ zu sehen, deren Einsatz er mit patriotischem Überschwang schildert.

Westermanns Engagement ging schon bald nach seiner Ankunft in Wesel über das rein Dienstliche weit hinaus. Er hat – geprägt wohl vor allem vom völkischen Geist der unmittelbaren Nachkriegszeit – für seine Schüler eine Wandergruppe ins Leben gerufen, sich im Turnverein eingebracht und auch mit großem Engagement eine mineralogische Sammlung angelegt.

Neben der heimat- und naturkundlichen Arbeit lag Westermann auch viel an der Weseler Historie. So legte er 1927 eine 134-seitige „Geschichte der Stadt Wesel“ vor. Sich selbst als legitimen Nachfolger des Chronisten Gantesweiler begreifend, wollte er vor allem die neuere Geschichte der Stadt „der Allgemeinheit“ zugänglich machen. Auch durch diese Schrift profilierte sich Westermann über die Stadtgrenzen hinaus als Heimatforscher und wurde 1928 vom Landesmuseum Bonn zum Vertrauensmann für „Bodenaltertümer“ in Wesel und Umgebung bestellt. Um 1929 legte Westermann eine volkskundliche Arbeit über „Flur- und Siedlungsnamen des Kreises Rees“ vor. Er verstand es aber auch, Heimat- und Naturkunde mit seinem lyrischen Talent zu kombinieren, was besonders in seiner 1928 veröffentlichten Schrift „Murks und Mimm“ deutlich wird. Es reihen sich hier Gedichte zu seiner neuen Heimat an Naturbeschreibungen (Schwarzes Wasser, Pilze im Diersfordter Wald) und historische Ereignisse wie die Befreiung Wesels von den Spaniern 1629.

Wie Westermann die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 erlebt hat, ließ sich nicht ermitteln. Da er bis 1933 für die Deutschnationalen (DNVP) im Weseler Stadtrat aktiv war, völkisches Gedankengut befürwortete und militaristisch dachte, ist zumindest eine gewisse Sympathie anzunehmen. Zur „Heldengedenkfeier“ 1936 wandte er sich – im Eindruck der Remilitarisierung des Rheinlandes nur einen Tag vorher – an seine Kollegen und seine Schüler und erinnerte an die friedliche Zeit zu Anfang des Jahres 1914. Wohl niemand habe daran gedacht, bald „seine wahre Vaterlandsliebe“ beweisen zu müssen. Der Erste Weltkrieg habe Deutschland vor „eine andere innere und äußere Schau“ gestellt und damit den „Helden“ in der deutschen „Menschenbrust“ geweckt. Daher sei der verlorene Krieg auch kein „namenloses Unglück“, sondern als „Erreger künftiger Taten“ geradezu ein „Stahlbad“ für das deutsche Volk gewesen. Westermann schlägt dann – ganz im Zeitgeist der alten völkischen Eliten der Weimarer Zeit – den Bogen zur damaligen Gegenwart, indem der den Nationalsozialismus als „Ernte“ aus der „Frucht“ der Kriegsniederlage interpretiert. Als Mitglied der Reichskulturkammer konnte Westermann auch zur NS-Zeit veröffentlichen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg blieb Westermann zunächst noch im Schuldienst und ging dann zum 1. März 1946 in den Ruhestand, der aber eher zum „Unruhestand“ wurde. In seiner fast drei Jahrzehnte währenden Tätigkeit als Lehrer habe er vor allem Heimatkunde vermitteln wollen, da Heimat „ein Stück Seele“ sei.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war Westermann in einem romantisierenden Stil vor allem lyrisch aktiv. Mehrere Gedichtbände sowie Veröffentlichungen im General-Anzeiger Wesel bezeugen dies. Aber auch Romane („Der Königsschuss“ oder „Wenn alte Büsche Feuer fangen“), Märchen, Übersetzungen von englischer und amerikanischer Lyrik und von regional bekannten Musikern vertonte Liedtexte gehörten zu seinem Repertoire.

Aber auch historischen Themen wie dem Wiederaufbau Wesels nach 1945 widmete sich Westermann nach wie vor, so im Dezember 1955 in einer Artikelserie in der NRZ. Hier stellt er vor allem den Stadtbaurat Jahr als wichtigen Akteur heraus, der in vielen anderen Darstellungen meist gegenüber dem ebenso tatkräftigen Stadtdirektor Reuber zu Unrecht in den Hintergrund rückte und von Westermann erstmalig angemessen gewürdigt wurde. Dem vorausgegangen war als Ergänzung zu seiner Stadtgeschichte von 1927 eine 1949 veröffentlichte „Zeittafel der Stadtgeschichte Wesels“, die aber – ganz erstaunlich – 1933 mit der NS-Machtübernahme endet. Die Jahre des Zweiten Weltkrieges wollte Westermann offenbar in einer eigenen Studie („Wesel im Feueratem des II. Weltkrieges“) intensiv aufarbeiten und hat dafür umfangreiche Zeitzeugenberichte gesammelt. Dieses Werk ist nie veröffentlicht worden, hat aber wohl zumindest teilweise dem 1961 von Felix Richard herausgegebenen Gedenkbuch „Der Untergang der Stadt Wesel im Jahre 1945“ als Vorlage gedient.

Für seine Verdienste besonders für die Weseler Jugend wurde Westermann anlässlich seines achtzigsten Geburtstages mit dem Bundesverdienstkreuz gewürdigt.

Im Alter von 82 Jahren verstarb Studienrat a.D. Dr. Karl Westermann am 29. Juni 1966 in seiner zweiten Heimat Wesel. Bundesminister a.D. Franz Etzel ehrte den Verstorbenen während der Trauerfeier als Mann der Tat und befand, dass von Westermann noch in Generationen gesprochen werden würde. Der für seine Meerschaumpfeife bekannte Pädagoge, Dichter und Heimatforscher fasste sein Leben in der bekannt humorigen Art kurz vor seinem Tod so zusammen: „Geboren im Saarland, erzogen im Reichsland [Elsass-Lothringen], gereift im Rheinland, gestorben im Flachland!“