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Stichtag: 15. August 2010 - Tod von Siegfried Landers

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Am 14. September 1924 wurde Siegfried Landers in Bocholt als eines von insgesamt vier Kindern der Eheleute Wilhelm Aloys (genannt Willy) und Luise Henriette Landers geboren. Er besuchte in Wesel das Gymnasium auf dem Realschul-Zweig – seit 1940 Staatliche Oberschule –, musste diese aber kriegsbedingt mit einem Vorsemestervermerk am 1. Februar 1943 verlassen, da er wie viele seiner Mitschüler zum Reichsarbeitsdienst eingezogen worden war.

Nach diesem verpflichtenden Dienst und der militärischen Grundausbildung schlug Siegfried Landers eine militärische Laufbahn ein, wurde u.a. in Witebsk (Ostfront) verwendet und absolvierte von August 1944 bis Dezember 1944 auf der Infanterieschule in Döberitz – westlich von Berlin – einen Fahnenjunker-Lehrgang. Das Kriegsende erlebte Landers als Leutnant der Reserve in den Niederlanden.

Bald nach Kriegsende begann der mittlerweile fast 21-jährige Landers zum 1. September eine kaufmännische Lehre beim väterlichen Unternehmen.

Willy Landers hatte den Betrieb am 14. Juni 1935 als Anhängerbau und Autohandel in Friedrichsfeld gegründet und Ende August 1945 – ergänzt um eine Schrottgroßhandlung und den Abbruch von Gebäuden – in Wesel wieder angemeldet. Schon Anfang September stellte Willy Landers die Weichen für die Zukunft, als er mit seinem Bruder, der eine Eisenhandlung in Dingden betrieb, die Materialbestände der Wehrmacht auf dem Enka-Gelände aufkaufen konnte. Dieses Areal wurde 1928 für die nie realisierte Ansiedlung einer niederländischen Firma aufgeschüttet; im Zweiten Weltkrieg befand sich dort ein Pionierpark.

Zum 1. Januar 1947 entstand die Landers & Söhne KG, in der die Brüder Günter und Siegfried als Kommanditisten und Willy Landers als Komplementär fungierten. Der Betrieb spielte eine entscheidende Rolle beim Wiederaufbau der 1945 so schwer zerstörten Stadt. Auf einem neuen Grundstück – hinter dem Pionierpark gelegen, dafür mit Gleisanschluss – wurden täglich und teils noch per Hand oder auf Fuhrwerken von Weseler Bürgern und Bürgerinnen etwa zwanzig Tonnen Schrott und Nutzeisen angeliefert, die wiederhergerichtet und so für den Wiederaufbau genutzt werden konnten. Für das Notstandswerk „Wesel hilft sich selbst“ stellte Willy Landers u.a. schweres Gerät unentgeltlich zur Verfügung.

Siegfried Landers war dem Prokuristen, FDP-Politiker sowie späteren Flürener Bürgermeister (1956–1969) und Weseler Stadtdirektor (1970–1978) Alois Wolters zur Ausbildung zugeteilt. Dieser bescheinigte dem Sohn des Firmeninhabers eine hervorragende Arbeitsleistung, die er wohl aufgrund der Familienbande nicht erwartet hatte. Sein Schützling habe zu seiner Überraschung eine „nichterlahmende Energie“ und eine „außerordentlich gute Auffassungsgabe“ an den Tag gelegt und mit Fleiß und „Selbststudium“ in kürzester Zeit Kenntnisse erworben, die selber „den erfahrenen Fachmann in Erstaunen“ versetzen würden. Kurz nach dem offiziellen Bestehen der Kaufmannsgehilfenprüfung heiratete Siegfried Landers in Recklinghausen Hannelore Beltrop (1926–2016).

Als am 11. Mai 1952 Willy Landers verstarb, wurde Siegfried als ältester Sohn geschäftsführender Gesellschafter; sein Bruder Günter war Mitgesellschafter und fungierte fortan als Betriebsleiter. Es folgten für Siegfried Landers weitere berufliche Fortbildungen zum Sprengmeister und zum Wäger für schwere Fahrzeugwaagen.

Zukunftsweisend war der zunächst sicherlich nicht begrüßte Verkauf des Firmengeländers im Juli 1956 an die Firma Delog. 1958 siedelte Landers schließlich vom Enka-Gelände ans Lippeglacis um. Diesen Umzug erlebte Günter Landers schon nicht mehr, sodass Siegfried Landers zukünftig die Geschicke der Unternehmensgruppe alleinverantwortlich leiten musste. Dass er dies mit großem Erfolg tat, zeigt auch die Entwicklung der Beschäftigtenzahlen. Waren es 1947 noch unter zwanzig Angestellte, sind seit Mitte der 1980er Jahre konstant zweihundert Mitarbeiter bei Landers beschäftigt. Burkhard Landers leitet das Unternehmen mittlerweile in der dritten Generation.

Siegfried Landers hat sich nie nur als Unternehmer gesehen, sondern fühlte sich immer auch verantwortlich für das Schicksal seiner Heimatstadt Wesel. So vertrat er seine unternehmerischen Ideale von 1977 bis 2009 als Mitglied der Vollversammlung der Niederrheinischen Industrie- und Handelskammer in Duisburg und schuf schon 1978 eine IHK-Gruppe zum Erfahrungsaustausch innerhalb des Kreises Wesel, der er bis 2007 als Leiter angehörte. Zudem fungierte er lange Jahre als Vorsitzender des Umweltausschusses der IHK.

Kommunalpolitisch aktiv war Siegfried Landers – vielleicht durch Alois Wolters gefördert – seit 1955 als Mitglied der FDP. Er saß für die Liberalen von 1961 bis 1975 im Rat der Stadt Wesel; davon elf Jahre als Fraktionsvorsitzender.

Unternehmerische Arbeit, soziale Einstellung und politische Werte liefen bei Siegfried Landers vor allem in zwei Projekten zusammen. Zunächst ist sein Engagement für die Kreislaufwirtschaft zu nennen. Er gilt zurecht als Pionier für effizientes Recycling; die bekannten „Gelben Säcke“ trugen lange seinen Namen. Zweitens fällt sein – auch in seinem katholischen Glauben wurzelnder – Einsatz für das 1949 gegründete Mutter-Kind-Heim (Mehrgenerationenhaus Wesel) und das Marien-Hospital auf. Siegfried Landers saß von 1987 bis 2001 im Kuratorium und von 1988 bis 1996 auch im Verwaltungsrat des katholischen Krankenhauses.

Zu seinem ehrenamtlichen Engagement gehören Mitgliedschaften im Bürger-Schützen-Verein zu Wesel e.V. und im Männergesangsverein Wesel-Fusternberg.

Aber auch die Geschichte der Hansestadt Wesel lag Siegfried Landers sehr am Herzen. Ende der 1970er Jahre hatte er die Idee, wichtige Ereignisse auf Sammeltellern festzuhalten. 1978 kam in Zusammenarbeit mit dem Maler Paul Theissen und einer Bayreuther Porzellanmanufaktur der erste Teller – noch nur für verdiente Mitarbeiter – auf den Markt. Die Teller gelten nach wie vor als beliebtes Sammelobjekt und sind auch bei vielen Prominenten, denen Landers die Teller oft persönlich in einer kleinen Zeremonie überreichte, zu finden. Ihren stärksten Ausdruck fanden Landers’ Heimatliebe und sein großes Geschichtsbewusstsein aber in seiner Tätigkeit für die Bürgerinitiative Historisches Rathaus, die er 1986 mitbegründete und deren Geschicke er bis 2003 als Vorsitzender lenkte. Danach fungierte er als Ehrenpräsident, erlebt die Fertigstellung der historischen Fassade 2011 aber nicht mehr.

Siegfried Landers ist für sein Wirken u.a. mit dem Verdienstkreuz Erster Klasse des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und der Ehrendoktorwürde der Universität von Rio de Janeiro ausgezeichnet worden.

Am 15. August 2010 verstarb Siegfried Landers in Wesel. Mit ihm verlor die Stadt nicht nur eine ihrer angesehensten Unternehmerpersönlichkeiten, sondern auch einen nimmermüden Förderer sozialer, kultureller oder umweltpolitischer Projekte.