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Stichtag: 08. März 1932 - Geburt des Konzertsängers und Hochschulprofessors Franz Müller-Heuser

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Herausragende Musiker, die in Wesel geboren wurden oder gewirkt haben, hat es einige gegeben. Neben dem „Marschkönig“ Hermann Ludwig Blankenburg, dem Organisten und späteren Leiter des Leipziger Thomanerchores Karl Straube und dem Komponisten Eduard Wilsing gilt dies besonders für den am 8. März 1932 in Wesel geborenen Franz Müller.

Ab Anfang der 1950er Jahre besuchte er das Staatliche Gymnasium am Herzogenring und fiel dort der jungen Musiklehrerin Inge Heuser auf, die eigentlich am Mädchengymnasium unterrichtet hatte, aber aufgrund der Kriegszerstörungen auch Mädchen am Jungengymnasium betreute. Sie gab dem jungen und noch nicht volljährigen Abiturienten schon kurz später in ihrem Elternhaus Gesangsunterricht. Daraus entwickelte sich wenige Monate später eine Liebesbeziehung und bald eine Heirat.

Das Ehepaar lebte in der Weseler Mauer-Viehtor-Straße in einem kleinen Haus, das Inge Müller-Heuser 1950 mit einem Kredit der Sparkasse errichtet hatte. Das ursprünglich nur aus einem quadratischen Raum bestehende Häuschen wurde schnell unterteilt, sodass es auch ein separates Bade- und Schlafzimmer gab. Zu dem jungen Ehepaar gesellte sich eine Dackelhündin, die dem Paar aber von der Künstlerin Eva Brinkman abspenstig gemacht werden sollte. Im noch immer von Trümmern geprägten Stadtbild des Nachkriegs-Wesels wurde das Haus der Müller-Heusers zu einem Treffpunkt und einer Keimzelle der aufblühenden Kultur. Neben Eva Brinkman war auch Artur Buschmann ein gerngesehener Gast. Hausmusik war ein selbstverständlicher Teil des Alltags.

Im Jahr 1954 legte Franz Müller-Heuser dann mit 14 weiteren Schülern auf dem heutigen Konrad-Duden-Gymnasium seine Abiturprüfung ab. Zu seinen Klassenkameraden zählte u.a. Ernst Joachim Trapp, der später bezeugen sollte, dass der junge Müller schon zu Schulzeiten mit klangvoller Stimme und kräftigem Lachen seine Mitschüler zu begeistern verstand.

Franz Müller-Heuser begann nach dem Abitur und bestärkt durch seine Ehefrau eine Hochschulausbildung zum Opern- und Konzertsänger (Bariton) an der Folkwangschule in Essen. Zu seinen Studienkollegen gehörte eine Enkeltochter des Drevenacker Pädagogen und Schriftstellers Erich Bockemühl (1885–1968), der wiederum Kontakte zu Musikern und Künstlern wie Otto Pankok unterhielt. Schon während des Studiums, aber vor allem danach, reiste Müller-Heuser zu Konzerten ins europäische und außereuropäische Ausland, trat aber gelegentlich auch in Wesel auf. So sind in der Chronik des Städtischen Musikvereins Wesel einige Gastbesuche Müller-Heusers dokumentiert, u.a. in der Saison 1956/1957 (Moderne Klaviermusik), 1958/1959 (Händels „Samson“, Bariton), 1961/1962 (Haydns „Schöpfung“, Bariton) und zuletzt 1969/1970 (Felix Mendelssohn Bartholdys „Elias“). Er vermarktete aber auch eigene Schallplatten- und Hörfunk- sowie Fernsehaufnahmen.

Franz Müller-Heuser hat aber früh erkannt, dass seine wahre Leidenschaft der theoretischen Auseinandersetzung mit der Musik galt. So begann er parallel zu seinen praktischen Studien ein Studium der Musikwissenschaften, der Kunstgeschichte und der Philosophie an der Universität Köln. Er wurde schließlich Anfang der 1960er Jahre mit einer Arbeit über die „Ästhetik des gregorianischen Gesangs" promoviert. Müller-Heuser veröffentlichte 1963 in den „Kölner Beiträgen zur Musikforschung“ – eine der ältesten noch erscheinenden deutschsprachigen Musikbuchreihen – als Band 26 seine Dissertation als „Vox humana. Ein Beitrag zur Untersuchung der Stimmästhetik des Mittelalters“. 1997 erschien als Band 196 eine zweite und erweiterte Auflage.

1963 wurde Müller-Heuser schließlich Professor für Gesang an der Hochschule für Musik in Köln, 1976 dann Direktor der Hochschule für Musik Rheinland, auch mit Sitz in Köln. Ab 1989 und bis zur Pensionierung 1997 fungierte er als Rektor der Hochschule für Musik in Köln. Zeitzeugen sprachen stets von einem unprätentiösen Gelehrten, der stets mit dem Fahrrad zur Hochschule und zu den Kölner Kulturhäusern unterwegs war und bis ins hohe Alter mit großem Tatendrang seine Erfahrungen weiterzugeben vermochte. Dies gelang ihm auch als Präsident des von ihm mitgegründeten Landesmusikrats Nordrhein-Westfalen und als Vorsteher des Deutschen Musikrats (1988–2003), deren Ehrenpräsident er Anfang 2010 wurde. Sein Einsatz für die Musik sowie vor allem deren Vermittlung an die junge Generation wurde u.a. mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Verdienstorden des Landes NRW gewürdigt.

Professor Müller-Heuser verstarb schließlich nach einem langen und erfolgreichen Berufsleben 78-jährig am 30. Dezember 2010 in Köln und wurde wenig später auf dem Melatenfriedhof beigesetzt. Seine frühere Ehefrau Inge Müller-Heuser – die Ehe wurde noch in den 1950er Jahren geschieden – verstarb ebenso am 30. Dezember 2010 kurz vor ihrem neunzigsten Geburtstag in Wesel. Die Kulturmäzenin engagierte sich seit der Nachkriegszeit im Rat der Stadt Wesel (CDU) und saß dem städtischen Kulturausschuss vor. 1994 zog sich die einstige Studiendirektorin aus der Politik zurück und war fortan ehrenamtlich für die Weseler Kultur tätig, besonders für die Historische Vereinigung Wesel e.V., die sie von 1986 bis 2002 leitete, für die von ihr mitbegründete Jugendmusik- und Kunstschule Wesel und für das damalige Preußen-Museum.