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Ausstellung „Stadt und Festung Wesel – In Mittelalter und Neuzeit“

Zeichnung Festung Wesel

Das Stadtarchiv Wesel zeigt in Kooperation mit dem LVR-Niederrheinmuseum Wesel vom 23. September bis 5. Dezember 2021 im LVR-Niederrheinmuseum Wesel und in der städtischen Brisürenkasematte die Ausstellung „Stadt und Festung Wesel – In Mittelalter und Neuzeit“.

Geschichte hat seit jeher eine große auch emotionale Wirkung auf die Menschen. Auch Wesels Stadtgeschichte stößt seit vielen Jahrzehnten auf außergewöhnliches Interesse. 2019 fanden sich viele Weseler und Weselerinnen in der Ausstellung „Wunder aus Trümmern“ wieder. Sie entdeckten sich auf Fotos, sie erinnerten sich an kleine und große Geschäfte, sie fühlten sich in die Zeit der 1950er Jahre zurückversetzt. Bei der Festungsgeschichte der Stadt Wesel ist das so nicht möglich. Trotzdem nimmt die Ausstellung Besucherinnen und Besucher zurück ins Mittelalter und in die frühe Neuzeit mit.

Ausstellung/Inhalte

Die Schwerpunkte der Ausstellung orientieren sich chronologisch an den einzelnen Bauphasen, die herausgearbeitet wurden: Zunächst die befestigte mittelalterliche Stadt und die wehrtechnisch bedingten Veränderungen der Befestigungen in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts.

Dann folgt vor allem der Bau der ersten Festung Wesels. Sie wurde zwischen 1583 und 1614 in altniederländischer Manier angelegt. Diese gesamte Bauphase war bisher nicht bekannt.

Zwischen 1614 und 1679 wurden unter spanischer, niederländischer und französischer Herrschaft lediglich notdürftige Maßnahmen umgesetzt. Anhand der vielen schönen Karten dieser Zeit könnte man von umfangreichen und systematischen Baumaßnahmen ausgehen. Die Quellen zeigen jedoch, dass es nur ein behelfsmäßiges und improvisiertes Reparieren war. Es folgten schließlich der brandenburgische Festungsbau und abschließend das Eingehen der Festung nach dem Ersten Weltkrieg.

Zu diesen Bauphasen liegen jeweils umfangreiche schriftliche Quellen vor, die teilweise auch ausgestellt werden. Diese Quellen zum Festungsbau aus dem Stadtarchiv sind ein Alleinstellungsmerkmal. Die Weseler Bestände gehören zu den bedeutendsten im gesamten Rheinland.

Ein Kernpunkt der Ausstellung sind Zeichnungen, Drucke und Kartenmaterial zur Festung. Besonders beeindruckend sind zwei großformatige – fast drei Meter breite – Darstellungen Wesels von Abraham Begheyn. Sie wurden im Original vom Museum Kurhaus Kleve zur Verfügung gestellt. Aber auch digitale Reproduktionen von wunderschönen und enorm detaillierten Plänen der Weseler Festung aus dem Kriegsarchiv in Stockholm, aus der Staatsbibliothek Berlin, dem British Museum London oder auch dem Rijksmuseum Amsterdam werden zu sehen sein. Sie ergänzen ideal die Karten und Darstellungen aus dem Fundus des Stadtarchivs. Durch das ergänzende Material werden neue Perspektiven der Betrachtung des Themas eröffnet.

Zudem widmet sich die Ausstellung dem Festungsbau auch in Einzelaspekten. Dazu gehört die Frage, wie eine Festung überhaupt geplant und gebaut wird. Unter anderem werden entsprechende Werkzeuge gezeigt: Vom großen Eisenbogenzirkel aus dem 17. Jahrhundert über einen schlichten, aber fast ein Meter hohen Holzzirkel hin zu einem Graphometer von 1809 aus Paris. Mit einem solchen Vermessungsinstrument konnten komplizierte Winkelmessungen vorgenommen werden.

Der Festungsbau musste aber auch finanziert und schließlich praktisch umgesetzt werden. Daher repräsentieren Münzen und Rechnungen als Ausstellungsobjekte den finanziellen Aspekt. Dabei wird deutlich gemacht, dass es vor allem die Weseler Bürgerinnen und Bürger waren, die unter den enormen Kosten und dem großen Aufwand zu leiden hatten. Ständige Sondersteuern waren ebenso wie der Zwang zu regelmäßigen Hilfsarbeiten obligatorisch.

Hintergrund

Ab dem Ende des 19. Jahrhunderts sollte sich das Stadtbild Wesels ganz außerordentlich verändern. Am 19. März 1890 kaufte die Stadt Wesel vom Staat das Festungsgelände. 40 Jahre später, am 22. Juli 1930, erwarb sie schließlich auch das Zitadellengelände. Damit verpflichtete sich die Stadt, große Teile der Festungsanlage abzubrechen. Dadurch war es möglich, dass eine moderne Kanalisation und das heute in etwa noch vorhandene Straßensystem geschaffen werden konnten.

Das Stadtbild veränderte sich fundamental. Große Exerzierplätze verschwanden. Kasernen wurden zu zivilem Wohnraum umfunktioniert. Es gab vor allem keine Soldaten mehr, die vorher das Straßenbild über Jahrhunderte geprägt hatten. Infrastruktureller Wandel war eine der Folgen. Wichtig war aber auch, dass Wesel zu einer modernen Stadt wurde, die aber trotzdem die Überreste der Festung stets erhalten und erforscht hat. Das Zitadellengelände ist das beste Beispiel. Wo sich einst Soldaten auf den Krieg vorbereiteten, wird heute musiziert, getanzt, gemalt und geforscht. Dieser Entwicklung spürt die Ausstellung „Stadt und Festung Wesel – In Mittelalter und Neuzeit“ nach.

Zitadellengelände als Kulturzentrum

1980 beschlossen der Rat und die Verwaltung der Stadt Wesel, die historischen Festungsanlagen zu restaurieren und damit erlebbar zu machen. Dabei wurden viele Bürger und Bürgerinnen beteiligt. Der erste Erfolg war die Überarbeitung und Wiedereröffnung der Schill-Kasematte im September 1980 in den rechten Kasematten des Haupttores.

Der vorläufig letzte Schritt war die in diesem Frühjahr abgeschlossene Renovierung der Brisürenkasematte. Seit diesem Sommer kann dieser Raum vom Standesamt als Trauzimmer genutzt werden. Zudem dient er nun auch dieser Festungsausstellung als authentischer und historischer Bereich. Die Kasematte ist damit wieder öffentlich zugänglich und das Ensemble „Kulturzentrum Zitadelle“ vollständig.

Die finanzielle Herausforderung, die mit der Erhaltung des Zitadellengeländes einhergeht, ist für die Stadt Wesel enorm. 2019 wurde bereits mit der Sanierung des östlichen Abschnittes der Wallmauer begonnen. Nach den Berechnungen der Fachleute sind – Stand derzeit – rund 750.000 Euro nötig, um zumindest den ersten Bauabschnitt im östlichen Teil abzuschließen. Daher freut sich die Stadt Wesel, dass sie im Mai dieses Jahres von der zuständigen Landesministerin Ina Scharrenbach einen Förderbescheid über 275.000 Euro erhalten hat. Mit dem Geld können die Arbeiten fortgesetzt werden.

Kooperation Stadtarchiv Wesel/LVR-Niederrheinmuseum Wesel

Das LVR-Niederrheinmuseum Wesel trägt den Namenszusatz „Wesel“ nicht nur, um seinen Besuchern eine Orientierungshilfe für die Lokalisierung des Museums an die Hand zu geben, sondern auch aus inhaltlichen Gründen. Das Museum versteht sich als ein Regionalmuseum für den Niederrhein, dessen Geschichte im Kontext der europäischen Verbindungen gesehen wird. Hier nehmen die Verflechtungen mit den Niederlanden einen besonderen Platz ein. In all diesen Verbindungen spielt die Stadt Wesel als Kristallisationspunkt eine maßgebliche Rolle, ob es sich etwa um ihre europäische Bedeutung im Rahmen der Hanse handelt oder eben auch im Festungsbau mit seinen niederländischen, französischen und preußischen Komponenten.

Auch auf einer ganz praktischen Ebene – vor dem Hintergrund der unmittelbaren Nachbarschaft von Stadt Wesel und LVR auf dem Zitadellengelände und mit der Städtischen Brisürenkasematte in dem Museumsfoyer – ergeben sich gemeinsame Aufgaben. So liegt es im beiderseitigen Interesse (Stadt und LVR), den Standort Zitadelle zu stärken und das Bewusstsein ihrer historischen Bedeutung publikumswirksam zu vermitteln. Deshalb steht das Museumsfoyer im Anschluss an die Brisürenkasematte für diese Ausstellung zur Verfügung. Das LVR hat auch den Aufbau der Ausstellung mit unterstützt.

SQGW 42

Zeitgleich mit der Ausstellungseröffnung wird der mittlerweile 42. Band der vom Stadtarchiv herausgegebenen Schriftenreihe „Studien und Quellen zur Geschichte von Wesel“ veröffentlicht. Dieser Band erscheint im ungewöhnlich großen A4-Format, damit die vielen Details der anschaulichen Karten und Pläne gut zu erkennen sind. Auf 160 Seiten versammeln sich über 100 Bilder verteilt auf fünf Aufsätze.

Martin Roelen stellt „Das befestige Wesel von der Stadterhebung bis 1614“ vor. Er befasst sich damit vor allem mit einem Desiderat der Forschung, nämlich der ersten Festung Wesels. Der zweite Aufsatz, verfasst von Heiko Suhr, befasst sich mit der Zeit zwischen 1614 und 1679, als Wesel unter fremder Besatzung stand. Hier kann anhand der Quellen gezeigt werden, dass es kaum nennenswerte Baumaßnahmen gab, die Festung wurde vielmehr nur notdürftig erhalten. Der dritte Aufsatz stammt aus der Feder von Josef Vogt, der schon während seiner aktiven Zeit als Ingenieur bei der Stadt Wesel zuständig für die Restaurierung der Zitadelle war. Er analysiert die bewegte Baugeschichte der Zitadelle. Chronologisch schließt sich der Beitrag des Bernd von Blomberg an. Er erhellt viele Details zum Erhalt des Berliner Tores, zur vollständigen Neuanlage von Kanalisation und Straßennetz sowie vor allem zum dafür notwendigen Abbruch der Festungswerke nach dem Kauf der Festungsgelände durch die Stadt Wesel ab 1890. Im letzten kurzen Beitrag beschreibt Heiko Suhr, wie die Festung Wesel nach über drei Jahrhunderten und in Folge des Ersten Weltkrieges 1924/1925 ihren Status als Festung offiziell verlor.

Ausstellungdidaktik/DGF

Die Ausstellung soll in vielen ihrer Ausstellungsstücke auch und gerade jüngeren Besucherinnen und Besuchern das Erlebnis des „Blickes im Detail“ auf Objekte rund um den Festungsbau vermitteln. Die Einkerbungen des großen Werkmeisterzirkels sind so gestaltet, dass sie zusammen gezogen eine Herzform bilden. In der vergrößerten Reproduktion zeigen die Zeichnungen des 17. Jahrhunderts der Weseler Festung viele liebevoll angelegte Details: Von damaligen Gartenanlagen bis hin zu dahinter befindlichen Bauten, die bereits vor mehr als 200 Jahren aus dem Stadtbild verschwanden.

Als Leihgeber von originalen Exponaten für die Ausstellung konnten neben Privatsammlern, dem Museum Kurhaus Kleve, dem Städtischen Museum Wesel und dem Deichdorfmuseum Bislich auch die Deutsche Gesellschaft für Festungsforschung (DGF) gewonnen werden. Die DGF hat heute ihren Sitz in Jülich, wurde aber in Wesel gegründet. In diesem Jahr feiert sie ihr 40-Jähriges Bestehen mit einer Tagung in Wesel. Diese findet am Wochenende nach der Ausstellungseröffnung statt. Inhaltlich geht es dabei um das Thema „Spionage in Festungen“.

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