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Stichtag: Juni 1840 - Gründung des späteren Schützenvereins "Vor'm Clever Tor"

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Erste Zusammenschlüsse von Schützen gehen auf das 11. Jahrhundert zurück und verbreiteten sich vor allem ab dem 14. Jahrhundert entlang der Handelsstraßen am Rhein. Im 19. Jahrhundert waren die Schützenvereine nicht nur Vorbild für die Gründung weiterer Vereinsformen, sondern fungierten auch als Wegbereiter demokratischer Traditionen. Schon im Mittelalter waren die Schützenvereine auffallend bürgerlich ausgeprägt und galten gerade nach den bürgerlich-revolutionären Erhebungen 1848 als beliebte Foren für politische Diskussionen. Ihnen kamen darüber hinaus wichtige Aufgaben im Staatswesen zu; Mitglieder von Schützenvereinen wurden regelmäßig und bis unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg zu Bürgerwehren herangezogen. Schützenvereine gelten als zahlenmäßig wohl größte Vereinsform des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts.

Ein Beispiel für eine frühe Gründung eines Schützenvereins am Niederrhein findet sich in der Weseler Feldmark. Aus einem heute nicht mehr erhaltenen Protokoll vom 20. Juli 1839 geht hervor, dass sich die Bürgerschaft entschlossen hatte, eine schon lange bestehende, aber nicht mehr aktive Bürgerkompanie zu erneuern, um diese für Nachtpatrouillen oder zum Schutz gegen Feuersbrünste zur Verfügung zu haben. Aus dieser Bürgerwehr erwuchs dann im Juni 1840 der von Ludwig Mallach geführte Jäger- und Schützenverein der Feldmark.

Da es schon zu dieser Zeit im Weseler Stadtgebiet und der näheren Umgebung viele weitere Schützenvereine gab, entschied man sich 1859 – zur besseren Unterscheidung von Vereinen in Fusternberg und Wesel – zur Umbenennung in Schützenverein „Vor dem Clever Tor“.

Die erste größte Zäsur in der Vereinsgeschichte war der Erste Weltkrieg, der das Vereinsleben bis 1919 völlig lahmlegte. In Erinnerung an die Gefallenen des Vereins wurde 1919 ein Ehrenmal auf dem Schützenplatz „Am Tannenhäuschen“ errichtet und 1920 anlässlich des ersten Schützenfestes nach dem Krieg enthüllt. In den folgenden Jahren wurde das aktive Vereinsleben vor allem durch die 1920 erfolgte Aufstellung eines Tambourkorps (Spielmannszug) und die im Juni 1924 erfolgte Gründung eines Reiterzuges wieder vorangetrieben. Der Reiterzug hatte – nach dem Gründungsprotokoll vom 1. Juni 1924 – als „berittene Begleitung gleich einer Ehrengarde“ beim Schützenumzug dem Königspaar zu dienen.

Die zweite einschneidende Zäsur war die Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933. 1936 erfolgte im Zuge der „Gleichschaltung“ die Einsetzung eines neuen, der Partei genehmen Vorstandes. Außerdem wurde die alte Satzung außer Kraft gesetzt und durch Vorschriften ersetzt. Alle Schützenvereine gehörten nun zwangsweise dem nationalsozialistischen „Reichsbund für Leibesübungen“ an und mussten ihre gesellschaftliche Funktion aufgeben und mitansehen, wie die NSDAP – ganz im militärischen Geist – das Vereinsleben auf Leibes- und Schießübungen reduzierte.

Bald nach Kriegsende kam es zu ersten zaghaften Versuchen, das Schützenleben wiederzubeleben. Aber erst 1948 wurde ein vorläufiger Vorstand gewählt und der Verein nach einer Genehmigung der britischen Besatzungsregierung vom 9. Juli 1948 wieder formell gegründet. Noch im selben Jahr fand auch das erste Schützenfest statt, auf dem aber in Folge der Entwaffnung nur mit Armbrüsten geschossen werden durfte. Erst ab 1952 war auch der Gebrauch von Schusswaffen eingeschränkt wieder möglich. Insgesamt ist zu beobachten, dass nur langsam aus der nach dem Krieg betont zivil gehaltenen Gemeinschaft wieder ein Schützenverein im traditionellen Sinn wurde. Gerade in der Feldmark fanden auch viele Vertriebene und Flüchtlinge Aufnahme in den Schützenverein „Vor´m Clever Tor“, der sich bewusst auch als Bindeglied zwischen alt eingesessenen und neuen Bürgern verstanden hat.

Im Jahr 1970 wurden die Schützenfeste vom traditionellen Platz „Am Tannenhäuschen“ auf ein neues Grundstück an der Ackerstraße verlegt. Im Zuge des Umzuges kam auch ein 1965 von Hermann Lüttig gestaltetes Denkmal, das das 1920 errichtete und mittlerweile zerstörte Mahnmal ersetze, an den neuen Mittelpunkt des Vereinslebens. Das neue Ehrenmal stellt ein aufgeschlagenes Buch dar, welches auf einem würfelförmigen Sockel steht. Die linke Seite des Buches zeigt einen Adler mit dem Weseler Wappen in den Fängen. Im selben Jahr entschied der Verein, auch karnevalistisch aktiv zu werden und rief ein Karnevalskomitee ins Leben. Als vorläufig letzte Formation kam 1973 der Jungschützenzug noch hinzu.

1993 öffnete sich der Schützenverein auch für Frauen und seit einer Satzungsänderung im Jahr 2012 ist es Frauen auch erlaubt, den Königsschuss abzugeben.

Die Bedeutung und vor allem den Bedeutungswandel der Schützenvereine in Wesel kann man anhand städtischer Unterlagen gut nachvollziehen. Das Protokoll der Stadtverordneten-Versammlung vom 1. August 1912 protokolliert das Fehlen des angesehenen Bürgermeisters Poppelbaum am Schützenfestmontag. Seine „Nichtvertretung habe Missstimmung in größeren Kreisen der Bürgerschaft hervorgerufen“. Der Bürgermeister versuchte zu argumentieren, dass er aufgrund vieler Verpflichtungen seinen dringend notwendigen Erholungsurlaub habe auf die Zeit des Schützenfestes legen müssen. Dieses Argument ließen viele Stadtverordnete nicht gelten und verwiesen darauf, dass die Bürger verlangen könnten, dass der Bürgermeister den „Urlaub entsprechend einrichte“. Ein Mitglied eines nicht namentlich genannten Schützenvereins gab zu Protokoll, dass die Stadt „bei jeder Kleinigkeit“ einen Vertreter entsende und daher zwingend auch beim „Weseler nationalen Stadtfeste“ vor Ort sein müsse.

Diese zentrale Bedeutung der Weseler Schützenfeste lässt sich noch in den 1960er Jahren beobachten. So erinnert sich eine Zeitzeugin daran, dass das Schützenfest das „Fest schlechthin“ gewesen sei.

Als dritte große Zäsur der Vereinsgeschichte wird man in einigen Jahren möglicherweise das Jahr 2020 empfinden, als erstmals nach 1948 ein Schützenfest aufgrund der Corona-Pandemie abgesagt werden musste.

Auch wenn sich die Bedeutung der Schützenvereine im 21. Jahrhundert gewandelt hat – der Einsatz für Freiheit, Leib und Gut galt lange Jahre als Ehrenrecht und Ehrenschuld aller Schützen – kommt auch dem Schützenverein Wesel-Feldmark „Vor´m Clever Tor“ e.V. heute noch eine wichtige Aufgabe zu. Neben der Geselligkeit ist der Verein nach wie vor ein wichtiger Faktor zur Integration neuer Bürger in der Feldmark getreu dem überlieferten Leitspruch „Ordnung, Einigkeit und Frohsinn“.