Inhalt

Stichtag: 17. August 2002 - Zwanzigjähriges Jubiläum der Städtepartnerschaft mit Kętrzyn

Publiziert am

Die Städtepartnerschaft zwischen Wesel und Kętrzyn – das ehemals deutsche Rastenburg – hat eine lange Vorgeschichte. Die Ursprünge liegen im Engagement der in Wesel beheimateten Kreisgemeinschaft Rastenburg, die erfolgreich zur Übernahme der Patenschaft für Ehemalige des Kreises Rastenburg durch den Kreis Rees bzw. für Ehemalige der Stadt Rastenburg durch die Stadt Wesel geworben hatte. Durch diese Patenschaftsverhältnisse wollte man „menschliche Bindungen“ neu knüpfen.

Den Weg für die ersten intensiven Kontakte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hat dann mit Burkhard Knapp auch wieder ein ehemaliger Rastenburger geebnet. Er konnte 1989 das Weseler Andreas-Vesalius-Gymnasium für einen Schüleraustausch mit „seinem“ damaligen Gymnasium gewinnen. Fast zeitgleich mit dem Beginn des Austausches wurde das Deutsch-Polnische Jugendwerk Wesel-Kętrzyn gegründet. Ziel dieser Aktivitäten war es, über die Förderung persönlicher Begegnungen von Polen und Deutschen einen Beitrag zum Abbau von Vorurteilen und zum Aufbau freundschaftlicher Beziehungen zu schaffen.

Im Jahr 1997 wurde dann – wiederum auf Betreiben von Burkhard Knapp – in Kętrzyn die Arno-Holz-Gesellschaft gegründet und im Juni 2000 schließlich das Arno-Holz-Kulturzentrum als deutsch-polnische Begegnungsstätte eröffnet. Arno Holz (1863–1929), der Namensgeber beider Einrichtungen, stammte gebürtig aus Rastenburg und war ein berühmter Dichter und Dramatiker.

Im Jahr 1999 wandten sich Vertreter der Kreisgemeinschaft Rastenburg an Weseler Kommunalpolitiker mit der Bitte, eine Städtepartnerschaft zwischen Kętrzyn und Wesel auf den Weg zu bringen.

Diese Initiative führte zunächst zur Gründung der Partnerschaftsvereinigung Wesel-Kętrzyn. Der vorletzte Schritt war die Reise einer Weseler Delegation vom 18. bis 20. Mai 2002 nach Polen. Bei der dortigen ersten Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde betonte Bürgermeister Tadeusz Mordasiewicz, dass der Weg bis hierher kein einfacher gewesen sei. Er erinnerte an die erste Reise des Weseler Bürgermeisters Jörn Schroh im Jahr 2000. Schroh sei, so empfand es Mordasiewicz rückblickend, mit „gemischten Gefühlen“ nach Polen gereist. Bald habe sich aber eine große Ernsthaftigkeit gezeigt und beide Partner seien sich auf Augenhöhe begegnet. Das deutsch-polnische Verhältnis sei aber nach wie vor „schwierig“ gewesen. So habe Mordasiewicz seine eigenen Unsicherheiten ebenso gespürt wie die von Schroh, z.B. als auf dem Marktplatz in Kętrzyn die deutsche Delegation ein altes deutsches Lied angestimmt habe. Aber in offenen Gesprächen und im intensiven Austausch sei dieses Gefühl bald von einem freundschaftlichen Miteinander und gegenseitigem Einfühlungsvermögen abgelöst worden. In Kętrzyn einigte man sich formal auch auf die Inhalte der gemeinsamen Arbeit. Die beiden Stadtverwaltungen machten sich zum Ziel, bürgerschaftliche Aktivitäten zu unterstützen und für einen regelmäßigen Austausch in den Bereichen Kommunalwirtschaft, Umweltschutz und Ökologie, Sport, Kultur und Bildungswesen, Arbeitsmarkt und Gesundheits- und Sozialwesen zu sorgen. Auch die gegenseitige Mitwirkung beim Aufbau moderner kommunaler Verwaltungsstrukturen und die Mithilfe bei der Organisation von Ausstellungen und Messen sowie beim Jugend- und Kulturaustausch sollten wichtige Komponenten einer lebendigen Partnerschaft werden.

Am 16. August 2002 traf die polnische Delegation dann in Wesel ein. Das Festprogramm begann am 17. August mit einem ökumenischen Gottesdienst im Willibrordidom. Danach ging es im Rathaus weiter, wo ein Sonderempfang des Rates ausgerichtet wurde. Hier sprach zunächst Bürgermeister Schroh, der darauf hinwies, dass man zwar an dieser Stelle den offiziellen Beginn der Partnerschaft feiere, die inoffiziellen Kontakte aber schon viel länger bestünden und man daher schon „fast von Freundschaft“ sprechen könne. Der Weseler Bürgermeister erinnerte an die wechselhaften deutsch-polnischen Beziehungen, die nicht erst seit dem Kniefall Brandts in Warschau (1970) bestünden. Man müsse die deutschen Verbrechen auf polnischem Boden, also den Holocaust, ebenso immer mitbedenken wie den deutschen Überfall auf Polen (1939) und die aus dem Krieg resultierenden Flucht- und Vertreibungsbewegungen. Mittlerweile würden die Kontakte zwischen den neuen Städtepartnern auf drei Säulen ruhen: dem aktiven Schüleraustausch, den Kontakten und Aktivitäten der Kreisgemeinschaft Rastenburg sowie der 1999 etablierten Partnerschaft der beiden evangelischen Kirchengemeinden.

Nach einem Beitrag des Kinderchors aus Kętrzyn eröffnete Bürgermeister Mordasiewicz den Reigen der weiteren Redebeiträge. Dem schloss sich die Unterzeichnung der Urkunde an, die mittlerweile im Weseler Stadtarchiv verwahrt wird. Als Ziel der Partnerschaft führt die Urkunde aus, „eigenständige Initiativen der Bürgerschaft“ in den Bereichen Bildung, Kultur, Wirtschaft, Jugend, Sport, Kirchen und Medien zu fördern. Danach folgten u.a. noch Gastworte von Hubertus Hilgendorff für die Kreisgemeinschaft Rastenburg und von Gertrud Liman für das Deutsch-Polnische Jugendwerk. Der Tag wurden schließlich mit einem Bürgerabend in der Niederrheinhalle festlich beendet. Am Sonntag fanden abschließend eine Heilige Messe in der Martini-Kirche und ein Gottesdienst im Dom statt.

Der vereinbarten Zielsetzung wurden beide Städte bisher mehr als gerecht. Zu den wichtigsten Ereignissen der gemeinsamen Geschichte gehörten die Feierlichkeiten zur zehnjährigen Städtepartnerschaft, während der im Mai 2012 die Weseler Bürgermeisterin Ulrike Westkamp in Kętrzyn zur Ehrenbürgerin ernannt wurde. Dem folgte im Oktober 2012 die Verleihung der Weseler Ehrenbürgerwürde an den Kętrzyner Bürgermeister Krzysztof Hećman für sein Engagement für den Jugendaustausch zwischen beiden Städten.

Auch während der Corona-Pandemie, die Reisen nahezu unmöglich machte, rissen die Kontakte nie ab. So trafen sich im April 2020 die Amtsträger beider Städte zu mehreren Telefon-Konferenzen, um sich über die gerade aktuellen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus und über die Folgen für das städtische Leben auszutauschen. Auch das gehört zu einer gelebten europäischen Städtepartnerschaft.